Wann ist Heimat?

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Die Frage : Wann ist Heimat?  ist ungewohnt.

Was, Wie, Wo ist Heimat, ist gewöhnlich die Frage,- die mit Zeit konnotierte Frage hat eine andere Perspektive. Sie enthält schon die Vermutung, dass man sich Heimat schafft und die Frage zielt darauf, wann uns das bewusst wird. Wenn ich sie mir selbst stelle, ohne den Vor- oder Nachteil des spontanen Diskurses, wird mir klar, wie schwierig sie für mich ist, denn Heimat war für mich zunächst wie für viele in den Nachkriegsjahren Geborene, ein finsterer, drohender Begriff, bleiernes Land, Enge. Früh war klar, dass ich mir meine Heimat erst schaffen musste, die vielen Umzüge erschwerten das zusätzlich.

Ich mache keinen Unterschied zwischen Heimat und zu Hause. Immer habe ich davon geträumt, meine Habe so klein und beweglich zu halten, dass ich jederzeit und überall neu andocken kann,- es ist mir nicht gelungen. Wie Jahresringe um den Baum legen sich Schichten um mich, so viele – Bilder, Zeichnungen, Menschen, Bücher. Das schafft Stabilität, Wärme, ich bin bei mir, ich bin zu Hause. Heimat ist das Heim, das ich kreiere. Der Zeitpunkt, an dem sich das einstellt ist identisch mit dem abnehmenden Gefühl der Fremde, des „fremdelnd“, schön zu beobachten bei einer Katze, die ihre neue Umgebung inspiziert, wach, aufmerksam, neugierig. Der Moment in dem sie sich niederlässt, entspannt, zusammenrollt und schnurrt, –  ist Heimat.

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Mobiles Tischgespräch mit Robert Petereit 
Wann ist Heimat für Sie?

R.     …..wiederholt…Wann ist für mich Heimat…
Das ist eine…. da gibt es ja die verschiedensten Antworten darauf.
Marx sagt ja, der Proletarier hat kein Heimatland…äh…

D.     ( Lacht)…Kommen Sie nicht mit Marx!

R.     ….dann gibt es die religiöse Antwort darauf…das man überhaupt kein Heimatland hat……….

D.     Nein, nein , ich meine Ihren Heimatbegriff!

R.     Ich muß sagen, das ich relativ…
also vor 5 oder 10 Jahren hätte ich gesagt , ich bin zuhause, wenn ich unterwegs bin und das hat sich relativiert.

D.      Das ist ja auch ein anderer Begriff : zu Hause und Heimat oder ist das für Sie das Gleiche?

R.      Zu Hause und Heimat…..ja, jetzt müsste ich überlegen., ja, ich weiß es nicht
Der Heimatbegriff, also ich übersetze den mit: zu Hause
mit zu Hause sein und sich fühlen, denn der landläufige Begriff von Heimat so zusagen als Landschaft, also…in der DDR gab es ein schönes Pionierlied: Die Heimat hat sich schön gemacht, damit war dann klar referiert auf das Vaterland oder ein anderes : unsere Heimat das sind nicht nur die Bäche und Flüsse, das sind auch die Menschen und so weiter…

D.      Sie sind von hier?

R.      Ja, ich bin aus dem Osten
In sofern weiß ich nicht….Heimatbegriff, ist eher deutsche Krankheit, ich hätte eher gesagt, das zu Hause sein…. fühlen, es heute so ist, das ich mich mehr zuHause fühle, wenn ich zu Hause bin, das aber nicht sein kann ohne unterwegs zu sein. also ich eigentlich regelmäßig das Unterwegssein brauche, um mich zu Hause fühlen zu können.

Mobiles Tischgespräch mit Andrea G.
Wann ist Heimat für Sie?

A.      Das ist eine sehr schöne Frage….(überlegt) ..leise : wann ist…Es gibt so Momente,- ich versuche das jetzt in Worte zu fassen,- wo ich mich mit meiner Umgebung , Mensch, Natur, was auch immer um mich herum im Einklang befinde und innerlich aufgehe, aufblühe, wo ich das Gefühl habe am Stärksten zu leben, das ist so ein ganz, ganz intensiver Moment und dann würde ich sagen, das ist Heimat, dann ist egal wo ich bin, was um mich ist.

D.      Also ist Heimat für Sie kein Ort, das ist ein Gefühl, was sich innerlich gestaltet.
Sie gestalten das ja auch aktiv mit durch Ihre Arbeit, Sie sind Einzelfallhelferin, spannend, was ist das?

A.       Ja, also ich bin darauf angesprochen worden nach einem Praktikum in der Psycho Sozialen Kontakt und Beratungsstelle, die haben mich gefragt, ob ich das machen kann, Einzelfallhilfe, noch neben dem Studium und da bin ich jetzt in der Kartei und kann angefordert werden, wenn jetzt Einzelfallhilfe gebraucht wird, also bei Menschen Probleme auftreten.

D.      Welche Menschen?

A,      Das können Kinder sein oder alte Leute, es ist total breitgestreut.

D.      Ich glaube, Sie sind genau die Richtige dafür, man hat das Gefühl, das Sie liebevoll mit Menschen umgehen

A.       mh…ja…

D.       Meinen Sie nicht doch es liegt auch an Berlin, dies daheim sein?

A.      (schnell)..klar, Berlin ist meine Heimatstadt, mein Geburtsort…… aber manchmal hasse ich auch Berlin, habe keine Lust unter Menschen zu gehen.

D.      ( auch schnell).. kann ich verstehen, geht mir mit Köln genau so, es wird mir auch oft zuviel, vor allem die „Berufskölner“, aber ich liebe Köln auch und gerade jetzt habe ich – Heimweh.

Tischgespräch mit Michael Rostalski
(der mir seinen Beitrag netterweise noch einmal schickte, nach dem das Aufnahmegerät gestreikt hatte)
Wann ist Heimat für Sie?

Von zu Hause aus ist es nicht weit: zum Wasser, zum Markt, auf den Spielplatz, zu Freunden, zur Bahn, zu verlassenen Orten, zum Vietnamesen, zum Bäcker, zu Fußballkneipen, zu Parks. Und doch fehlt etwas,- diesem mir hier so liebgewordenen Ort, den ich seit über neun Jahre mit immer neuen Erlebnissen kennenlerne,- was mich so berührt, wie es mir recht wäre. Es eilt aber nicht, Zeit bildet keine Kategorie für Warten sondern stellt einen dauerhaften anhaltenden Zustand dar.
Auch dieses größere Drumherum, Berlin genannt, dem ich so oft mein Herz schon schenkte, so oft wie es abgestoßen wiederkam, ist seit, ja nun 18 Jahren, ja, schon immerhin (m)eine Wahl-Heimat. Beim Durchfühlen dieses Wortes „Wahl-Heimat“ spüre ich bereits Geschichten, die weit drinnen in mir sind. Ich bin nicht DA draußen, vielmehr durfte dieses DA draußen bei mir hinein.
Doch noch vielmehr ist die Heimat, die nicht gewählt sondern von meinem Beginn an mit entstanden ist, denn es gibt sie nicht beliebig. Sie ist verbunden mit dem was seit frühesten Empfindungen über Geräusche, Gerüche, Berührungen an bestimmten Orten sich in einer unendlich sich vergrößerbaren Geschichtswolke verwoben hat. Teils sind diese Orte verfallen, abgerissen, für mich zur Unkenntlichkeit verwandelt oder manchmal behutsam transformiert, so dass meine Sinne immer noch zu dem Erzählband leiten, welcher einst da generiert wurde. Ausreichend Trost ist mir nur, wenn die für mich verlorenen Orte als Verbindung zu meiner Geschichtswolke – meiner Heimat – neue Geschichtsorte für Andere werden können. Das ist jedoch nichts automatisches, solange Menschen das Leben und ihr Umleben selber gestalten.
Ich bin diesem Metier selbst verhangen. Orte verändern, sie anpassen an das aktuelle und gewollte Leben anpassen. Das geht leid-wie-freudvoll einher mit dem Auflösen von Verknüpfungen zu vieler Menschen Geschichtswolken, deren Heimat daraus springt. Nicht erst deswegen sind diese Menschen so wichtig in den Veränderungsprozessen, bei denen, wenn sie selbst mitbestimmen und gestalten, so vielmehr Heimat zusammenkommt, wovon Geschichten aus erzählbar sind. Für Planer ist es ein leichtes, neue Zuhause für Andere zu schaffen. Ich selbst habe auch sehr viele davon, nicht gleichzeitig aber abwechselnd, in denen ich mich überall wohl fühlen kann. Das waren auch schon Hotels, und einst nannte ich mein Zelt mal mein Zuhause.
Gebaute Orte brauchen mehr, sie brauchen gelebte Geschichten, Raum für das Andocken des Innersten an das DA draußen, zum Austausch frei aller normierte vorgefertigter Zwecke. Das sind Orte des Mitmachens, Zusammenmachens, des Teilhabens, deren die Zeit innewohnt, die es braucht für das Entstehen von Geschichtswolken.
Wenn meine Geschichtswolke an die Orte ihrer einstigen Erzählung geraten und sie alle meine Sinne hervorrufen, die benutzt wurden zum Aufzeichnen, ja,
– Dann ist Heimat.

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Michael Rostalski am Bahnbogen/ S Bahnhof Rummelsburg

Und hier kommt ein kurzes, sehr authentisches Video von der Fahrt dorthin.
Mit vollbepacktem Postrad!!

http://youtu.be/QwInM6JJJRs

Im Weitling-Kiez : Hier blieb der Tisch leer.

Fast drei Stunden stehe ich einladend mit „Radtisch“ auf der Weitlingstrasse, am Münsterländerplatz und lade Menschen ein, die vorübergehen. Niemand mag sich an meinen Tisch setzen und fotografieren geht gar nicht, die Menschen wirken eher verschlossen als eilig.

Der Weitling – Kiez  und der Viktoria – Kiez sind nur durch S-Bahn und DB Trasse getrennt, aber es sind zwei verschiedene Welten, das ist schnell klar.

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