Werktreue – Vom exzentrischen Genie zur exzentrischen Perspektive

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Was heute „klassischer“ oder „hochkultureller“ Musikbetrieb heißt, wird überwiegend von Interpreten und ihren individuellen Interpretationen kanonisierter Werke getragen. Paradoxerweise wird aber ein vermeintliches Zuviel an Individualität der Interpreten häufig mit dem Verdacht belegt, jene Musiker nähmen es mit der als Leitbild allgemein akzeptierten „Werktreue“ nicht so genau, drängten sich zum Nachteil der Werke und Komponisten unangemessen in den Vordergrund – und seien deswegen nicht ernstzunehmen. Auch die Musikwissenschaft hat bisher wenig zur Reflektion dieser Situation beigetragen. Fehlen womöglich noch die Begriffe, mit denen alternative oder aktualisierende Interpretationen überhaupt gedacht werden können?

Anhand von Aufnahmen der Pianisten Friedrich Gulda und Glenn Gould – beide als Exzentriker verschrien – lässt sich eine neue Perspektive entwickeln. Es geht um eine Art der Interpretation, die ihre eigene Gemachtheit ausstellt, indem sie vorführt, dass sie immer auch anders ausfallen könnte: Sie lässt auf verschiedene Weise hören, dass eine Interpretation durch Entscheidungen für bestimmte Möglichkeiten (und gegen andere) zustande kommt. Wenn die Interpretation nicht mehr allein als Funktion des Werkes aufgefasst wird, sondern gleichermaßen „über sicht selbst spricht“, was Gulda und Gould denkbar werden lassen, wird eine Fülle an Möglichkeiten freigesetzt. Nicht nur vorliegende Realisierungen von Notentexten ließen sich so anders deuten – das Modell wäre gleichzeitig auch ein Wegweiser zu neuen Spielräumen der musikalischen Interpretation.

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