M.A.C.

Das mobile Art Café.

Werktreue – Vom exzentrischen Genie zur exzentrischen Perspektive

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Was heute „klassischer“ oder „hochkultureller“ Musikbetrieb heißt, wird überwiegend von Interpreten und ihren individuellen Interpretationen kanonisierter Werke getragen. Paradoxerweise wird aber ein vermeintliches Zuviel an Individualität der Interpreten häufig mit dem Verdacht belegt, jene Musiker nähmen es mit der als Leitbild allgemein akzeptierten „Werktreue“ nicht so genau, drängten sich zum Nachteil der Werke und Komponisten unangemessen in den Vordergrund – und seien deswegen nicht ernstzunehmen. Auch die Musikwissenschaft hat bisher wenig zur Reflektion dieser Situation beigetragen. Fehlen womöglich noch die Begriffe, mit denen alternative oder aktualisierende Interpretationen überhaupt gedacht werden können?

Anhand von Aufnahmen der Pianisten Friedrich Gulda und Glenn Gould – beide als Exzentriker verschrien – lässt sich eine neue Perspektive entwickeln. Es geht um eine Art der Interpretation, die ihre eigene Gemachtheit ausstellt, indem sie vorführt, dass sie immer auch anders ausfallen könnte: Sie lässt auf verschiedene Weise hören, dass eine Interpretation durch Entscheidungen für bestimmte Möglichkeiten (und gegen andere) zustande kommt. Wenn die Interpretation nicht mehr allein als Funktion des Werkes aufgefasst wird, sondern gleichermaßen „über sicht selbst spricht“, was Gulda und Gould denkbar werden lassen, wird eine Fülle an Möglichkeiten freigesetzt. Nicht nur vorliegende Realisierungen von Notentexten ließen sich so anders deuten – das Modell wäre gleichzeitig auch ein Wegweiser zu neuen Spielräumen der musikalischen Interpretation.

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Je suis…? Vom Kult der Kultlosigkeit, NRW-Casinos und Aldi

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Kultur schreiben wir uns auf die Fahnen und betonen ihre Wichtigkeit, ihren Wert,- besonders dann, wenn wir sie angegriffen sehen.

Aber was ist uns die Kultur wert ? Wie entlohnen wir Künstler, Kulturschaffende und Vermittler ?
Meist mit sehr kleiner bis gar keiner Münze.
Daraus ergibt sich schnell eine glänzende Fassade, Blockbuster, Events, und Spektakuläres, Prominenz um die Medien auf seiner Seite zu haben und dahinter….die Leere.
Millionenwerte für Depots, Spekulationsobjekte und Einflußspäre von u.a. Großsammlern und Galeristen.
Eine Kultur am Tropf von Sponsoren und Zuwendungen der Politik, die beide an Blockbustern, an „Abstimmung mit den Füßen“ interessiert sind, wird ausgehöhlt und hat keine Kraft
Menschen zu bewegen, Impulse zu geben, Veränderungen zu bewirken.

Der junge Kunsthistoriker Michael Stockhausen von der Universität Bonn hat sich in seinem Art Frühstück an dieses wichtige Thema gewagt!

Über Inspiration

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Im Mai Art-Frühstück sprach der Kölner Philosoph Sasa Josifovic über die Inspiration.
Über die Traditionen hinweg wurde nach dem Einheitsort gefragt an dem der Einzelne etwas Neues schaffen und so an der allgemeinen Schöpfung teilnehmen kann.
Denn sowohl die klassische deutsche Philosophie, als auch die chinesische Tradition, begreift Schöpfung nicht als einen abgeschlossenen Prozess, sondern als das stetige Werden des Ganzen.
Beide Strömungen beschäftigen sich folglich mit der Frage, welche Stellung der Mensch zu diesem einheitlichen Prinzip (Dao, Absolutes, Gott) einnehmen muss und kommen zu der Auffassung, dass alle Äußerlichkeit zu demselben aufgehoben werden muss.
Die Haltung die der Künstler einnimmt, ist die der Gelassenheit, der Nicht-Handlung (Wu Wei), verstanden als die Überwindung der Handlung gegen die Natur. Nur dadurch kann im Werk etwas von seiner eigenen Natur wiedergefunden werden, dass er nicht bewusst hineingetan hat.
Durch seine Kennerschaft in diesen zunächst so verschieden erscheinenden Traditionen und den fließenden Übergang von der einen zur anderen baut Josifovic die vielen Ressentiments gegenüber den oft kulturell oder religiös überladenen Begriffen dieser Denkrichtungen ab.

Die Frage der Rezeptionsästhetik nach der gedanklichen und emotionalen Wahrnehmung künstlerischer Werke und inwieweit sie bereits im Gegenstand angelegt ist bzw. erst im Prozess der Rezeption entsteht, stellt Florian Bohde in seinem Impulsreferat. Sie ist für alle die mit Kunst umgehen, von größtem Interesse.

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Sapere aude! Sind Religion und Philosophie vereinbar?

Ja, wenn etwa angenommen wird, dass Philosophie die Disziplin sei, die sich mit den Sinnfragen befasst. Dann stellt Religion in der Tat einen Zweig der Philosophie dar, da sie sich mindestens mit einer Sinnfrage befasst, nämlich ob es eine jenseitige Welt gebe. Anthropologische Grundannahmen spielten dabei genauso eine zentrale Rolle wie der Umstand, dass die Bejahung und Verneinung der oben genannten Frage von der eindeutigen Bestimmung der Philosophie abhängig ist. Die Auseinandersetzung mit der Thematik führte unweigerlich zum Begriff „Religion“, der nach dem heutigen Stand der Forschung zwei mögliche Herkünfte hat, die beide deutlich machen, dass die Religion einen ganzen Lebensbereich tangiert oder gar abdeckt. So ging der Referent über zu Kant, demzufolge die Vernunftphilosophie in der Religion kulminiere. Die Moraltheologie gibt dem menschlichen Streben nach Glück und dem gelingenden Leben einen unermesslichen Wert und erhebt den Menschen über die Natur, wo er die persönliche Erfahrung eines „von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt“ unabhängigen Lebens macht. So ist die gesamte Moralphilosophie Kants, die insbesondere in der Kritik der praktischen Vernunft entwickelt wird, die Offenbarung des über-sinnlichen Lebens.

Ein kluges Impulsreferat von Walid Faizzada  beim Art Frühstück am 6.12. 14 !

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Lebe lieber jetzt! Lebensphilosophie im Bewusstsein der Vergänglichkeit

Das Referat hielt der junge Philosoph Walid Faizzada.

Er spannte einen Bogen von Aristoteles über Epikur bis zu der Existenzphilosophie Albert Camus‘, dem eigentlichen Titelgeber dieser Veranstaltung. Kernpunkte waren dabei die Unwiederbringlichkeit jeder echten Erfahrung sowie der zentrale Begriff des Absurden. Der Mensch müsse einsehen, dass es keinen vorgefertigten Sinn gibt, den man irgendwo vorfinden kann; stattdessen ist alles Sinnhafte immer etwas, das man sich selbst gegeben hat. So ist auch die berühmte Passage über den „Mythos des Sisyphos“ zu verstehen, in dem er den tragischen Helden als einen glücklichen Menschen bezeichnet.

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Langeweile oder: Vom Sinn der Heterochronie

Dieses Impulsreferat hält Rita Molzberger.
Wie im Titel bereits angedeutet, soll es in diesem Beitrag um mögliche Zusammenhänge von Zeit und Sinn gehen. Dabei wird unser Zeitempfinden phänomenologisch in den Blick genommen: Wie erscheint uns Zeit, welche Spielarten kennen wir? Und inwiefern kann sie ein Sinnhorizont sein? Am Beispiel sogenannter Heterochronien (‚Anders-Zeiten‘) lässt sich zeigen, dass Brüche in der Zeit unsere Sinnzuweisungen infrage stellen und somit neue Sinnsuchen begünstigen können. Langeweile kann als eine solche Variante von Heterochronie gedeutet werden; sie stört unser gewohntes Zeitempfinden, weil im Zustand der Langeweile Messzeit und empfundene Zeit auseinander treten. Es klafft ein Spalt, und was in diesem passiert, kann im Rahmen der anschließenden Diskussion sicher nicht zuletzt in Hinsicht auf Kunst besprochen werden.
Das „Art Frühstück“ begann Anfang des Jahres mit der Philosophin Rita Molzberger, Uni Köln, und dem Thema: “Schöpfung und Erschöpfung.”
Es ist ein Genuß Rita Molzberger zu hören und alles andere als langweilig! Es war so spannend, dass ich vergaß Fotos zu machen.

Die Macher vom Sommerloch

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Elba Fabrik Wuppertal

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Frühstück für die Macher vom Sommerloch und Rauminstallation “ Gehen“

Für das Projekt „Sommerloch“ in der Elba Fabrik Wuppertal habe ich die Rauminstallation „Gehen“ gemacht , sowie ein gemeinsames Frühstück veranstaltet und das Gruppenfoto mit den Machern von „Sommerloch“ in Auftrag gegeben, um das Team auch im Bild sichtbar zu machen.
Es war wichtiger Teil meiner Arbeit und nur durch Mitarbeit des in Gruppenbildern erfahrenen Kölner Fotografen Stephan Schmitz / Gruppenfoto realisierbar. Großen Dank Stephan!

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Ein großer alter Fabrikraum und mittendrin eine Fläche mit Sand, freigelegt, mit Spuren von Füßen, Mensch und Tier. Diese Fußspuren im Sand waren der Ausgangspunkt für meine Arbeit mit dem Raum „Gehen“.

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„Der Mensch ist in der Bewegung, er geht um zu gehen, aber auch, um einen Ort zu finden, er bricht auf, um nicht bleiben zu müssen, er möchte bleiben, um nicht in die Fremdheit zu fallen, er entscheidet sich für ein Unterwegssein ohne Ziel und will doch ankommen. Der Mensch geht aus vielfältigen Gründen, er ist Entdecker, Forscher, Eroberer, er ist Siedler, Pilger, Missionar, schließlich Tourist, er geht, um die Welt zu verstehen, zu vermessen, zu besitzen, zu verändern, zu genießen. Er geht in der Hoffnung auf Einsicht, Verwandlung, Zukunft, aus Gier, Verzweiflung, Lust, er weicht der Gewalt, er wird vertrieben.“ ( Volker Adolph)

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Installation: Walter Benjamin in Port Bou.
In einem jener kleinen französischen Hotels, leicht heruntergekommen, wo sich Mitte der 70iger Jahre Künstler und Weltenbummler trafen, war ein unser stetiger Tischnachbar ein schmaler, älterer Herr. Er war so unauffällig, dass er auffiel, saß immer allein am Tisch und wenn er nicht schrieb, starrte er auf das Meer. Manchmal schien er unserer Unterhaltung zu lauschen, woraus ich schloss, dass er Deutsch verstand. Wir sprachen eines Abends darüber, wie nah von hier es zur spanischen Grenze war und er sagte, “ damals war es weit!“ Er war einer der Menschen, gejagt von Nazis, die über die Grenze entkommen konnten und das gelang mit Hilfe der Fittkos, die Flüchtlinge über die Grenze brachten.
“ Es ist meine Gedenkreise, sagte unser Tischnachbar, ich gehe den Weg fast jeden Tag, wie damals am 25.9.40.
Ich war jetzt ganz hellwach ; am 26.9.40 starb Walter Benjamin in Port Bou, ich konnte mir den Termin gut merken, es ist mein Geburtstag: 26.9.
Der Mann kramte in seiner Brieftasche und zeigte uns ein paar alte Fotos, die er aber nicht aus der Hand ließ.
Ist das ……Benjamin, ergänzte er, mitsamt dem Koffer, den alle bis heute suchen.
Kann ich ein Foto machen, fragte mein Mann und das wurde widerwillig gestattet.
Na ja, viel darauf ist nicht, finde ich, immerhin dies ist vielleicht ein letztes Bild des verschwundenen Koffers.

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Fotos: Stephan Schmitz / Gruppenfoto Köln